Denkwerzeuge beim Schreiben – Schreiben als Denkwerkzeug

I. Denkwerzeuge beim Schreiben

Vom Faustkeil zu Microsoft Word

Die frühesten uns bekannten Bilder der Menschheitsgeschichte sind Höhlenmalereien, die mit dem vielseitigen Faustkeil gefertigt wurden. Was mit beispielsweise Jagdszenen begann, entwickelte sich später in eine Symbolsprache (z.B. Hieroglyphen bei den Ägyptern). Die Grundlage einer Schriftsprache und unserer heutigen Kommunikation war gelegt.
Eines der wichtigsten Schreibgeräte er Antike war der Stilus (auch Griffel genannt). Er bestand meistens aus Metall oder Knochen, manchmal auch aus Elfenbein.

Mit der spitzen Seite des Stilus war es möglich den Text in eine Wachstafel zu ritzen – mit der dickeren flachen Seite konnte man das Wachs wieder glatt drücken und das geschriebene korrigieren. Er fand bis ins 20. Jahrhundert regelmäßige Verwendung. Genauso war auch der Federkiel noch knapp 1500 Jahre nach seiner ersten Benutzung (ca. 400 n. Chr.) in vielen Haushalten

weiterhin Alltagsgegenstand. Dieser bestand in den meisten Fällen aus einer Gänsefeder, bei der die Federspitze aufwändig gereinigt, gehärtet und zurechtgeschnitten werden musste. Der Federkiel hatte den großen Vorteil, dass sich der Hohlraum der Feder mit Tinte vollsog. So musste man im Vergleich zum Vorgänger – das Schilfrohr – deutlich seltener ins Tintenglas tunken. Abgelöst wurde dieser durch die Verbreitung des Füllfederhalters. Die ersten „Füller“ gab es bereits 1850,

welche mit Ihren goldenen oder rostfreien Stahlfedern das gleichmäßige Fließen der Tinte ermöglichten. Der erste in Deutschland kommerziell verkaufte Füllfederhalter der Firma Soennecken im Jahre 1890 kostete noch einen durchschnittlichen Wochenlohn (Vergleich: der deutsche Bruttowochenlohn betrug im vergangenen Jahr ca. 615€).

 

Einige wenige Jahre nach der Erfindung des Füllers erfand der Däne Rasmus Malling-Hansen 1865 die erste sogenannte Schreibkugel – Vorläufer der mechanischen Schreibmaschinen. Der 1874 vorgestellte Schreibmaschine Remington Sholes & Glidden Typewriter vom gleichnamigen amerikanischen Waffenproduzenten besaß bereits mit minimalen Abweichungen die bis heute verwendete QWERTZ-Tastaturbelegung (engl. QWERTY). Die Buchstaben waren nicht mehr alphabetisch, sondern

entsprechend der Auftrittshäufigkeit der Buchstaben in der englischen Sprache angeordnet. Die am häufigsten verwendeten Buchstaben sollten sich möglichst nicht direkt nebeneinander befinden, um einem Verhaken der Buchstabenhebel der mechanischen Schreibmaschine vorzubeugen. Weitere ergonomische Gesichtspunkte führten dann zu der Tastaturbelegung, wie wir sie heute kennen.
Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten Modelle von elektrischen Schreibmaschinen. Sie machten das schnelle Tippen leichter und weniger kraftintensiv, als seine mechanischen Vorgänger. In den 1980er Jahren war die Entwicklung der Schreibmaschine auf ihrem Höhepunkt. Sie hatten Diskettenlaufwerke, einen Massenspeicher und Bildschirme, die das Überarbeiten von Texten ermöglichten, bevor das ganze aufs Blatt gedruckt wurde. Sie waren quasi

Textverarbeitungssysteme, die sehr einem einfachen Computer mit integriertem Drucker und einem einzigen vorinstallierten Schreibprogramm ähnelten . Auch wenn tatsächlich noch bis heute in Brasilien und China Schreibmaschinen hergestellt und exportiert werden, wurden diese weitestgehend von der Erfindung des Computers aus dem Alltag verdrängt.

 

 

WYSIWYG vs. WYSIWYM

Der heutige Computer hat die Erstellung von schriftlicher Arbeiten deutlich vereinfacht, beschleunigt und vielseitiger gemacht. Zusätzlich wird im Arbeits- und universitären Kontext in den meisten Fällen erwartet auch eine digitale Version des geschriebenen Textes einzureichen. Heute wird kaum ein Studierender darum herum kommen zumindest ein Textverarbeitungsprogramm zu beherrschen. Diese kann man zwischen WYSIWYG– und WYSIWYM-Programmen unterscheiden.

WYSIWYG-Programme: What you see is what you get

Unter diese Kategorie fallen Programme wie Microsoft Word, Apple Pages, Open Office oder Libre Office (letzteren beiden können gratis heruntergeladen werden). Sie werden auch Echtdarstellungsprogramme genannt – das, was während der Bearbeitung auf dem Bildschirm zu sehen ist, wird nach dem Drucken so auch auf dem Blatt Papier zu sehen sein.

WYSIWYM-Programme: What you see is what you mean

Dem gegenüber stehen die WYSIWYM-Programme. Hier geht aus dem geschriebenen Text am Bildschirm der Zweck der Formatierung hervor. Ein solches Programm ist beispielsweise LaTex. Der Nutzer definiert seine Formatierungen anhand einer Programmiersprache.

Bildquelle

Großer Vorteil dieser Methode ist die sehr einfache Wiederverwendung einer einmal definierten Formatierung (Stylesheet). Möchte man beispielsweise seine universitären schriftlichen Arbeiten immer in einer einheitlichen Formatierung gestalten, muss diese nur einmal erstellt werden und kann für die nächsten Projekte immer wieder verwendet werden. Auch, wenn Formatierung und Inhalt eines Textes von zwei unterschiedlichen Personen erstellt werden , ist es über LaTex leicht möglich, den Inhalt in die vorgefertigten Stylesheets einzubinden.
Bei ungewöhnlichen Formatierungsvorstellungen, die auch nicht häufiger verwendet werden sollen, kann der Aufwand der Erstellung eines solchen Stylesheets den Nutzen jedoch übersteigen. Möglicherweise ist in solchen Fällen die Verwendung eines Echtdarstellungsprogramm schneller und einfacher. Ein Versuchs-Irrtums-Vorgehen ist bei WYSIWYM-Programmen deutlich schwieriger.

 

II. Schreiben als Denkwerkzeug – Schreibdenken von Ulrike Scheuermann

Nach Diplom-Psychologin, Autorin und Coachin Ulrike Scheuermann kann auch das Schreiben selbst in Form von verschiedenen Übungen als Werkzeug dienen, welches sowohl das Schreiben als auch das Denken  voranbringt.  Zunächst möchte ich den prototypischen Schreibprozess für wissenschaftliche schriftliche Arbeiten von Ulrike Scheuermann beschreiben, um dann im Folgenden die Frage beantworten zu können, was Schreibdenkaufgaben eigentlich sind und weshalb sie helfen.

Schreibprozess

1. Einstimmen

Zu Beginn sollte man sich in eine positive Schreibstimmung bringen. Man stimmt sich auf ein gelingendes, freudvolles schreiben ein. Zusätzlich sollte man an dieser Stelle einen realistischen Zeitplan für sein gesamtes Schreibprojekt erstellen. In vielen klassischen Schreibprozessmodellen ist diese Phase nicht zu finden, spielt bei Ulrike Scheuermann jedoch eine wichtige Rolle.

2. Ideen entwickeln

Die zweite Phase besteht aus dem selbstständigen generieren von Ideen zu dem Thema. Das Ganze sollte unbedingt vor dem Lesen der Literatur geschehen, um sich nicht beim Sammeln von Ideen an den Gedanken anderer Autoren zu orientieren. Das Bewerten und Aussieben der Literatur findet erst in der nächsten Phase des Schreibprozess statt und ist hier nicht gemeint.

3. Strukturieren

In dieser Phase wird die Grobstruktur des Textes geplant: es entsteht eine Gliederung. Hierzu sollte selbstverständlich passende Literatur hinzugezogen werden.

4. Rohtexten

Dies ist die zentrale Phase des Schreibprozesses: es entsteht ein ausformulierter Text. Dieser sollte möglichst schnell „runtergeschrieben“ werden. Das Überarbeiten des Textes soll an dieser Stelle noch nicht stattfinden.  Textabschnitte, die einem an dieser Stelle noch unausgereift vorkommen, können markiert und später überarbeitet werden.  Dies verhindert langsames und stockendes Schreiben.

5. Reflektieren

Die fünfte Phase ist die leichteste: den fertig geschriebenen Text lässt man eine oder mehrere Nächte ruhen, um seine Gedanken zum Text „reifen“ zu lassen. Auch diese Phase ist in vielen anderen prototypischen Schreibprozessen nicht zu finden.

6. Überarbeiten

Nach Ulrike Scheuermanns Methode sollte für das Überarbeiten 40-50% der Gesamtzeit für das Schreibprojekt investiert werden. Der Rohtext sollte zuerst nach strukturellen und inhaltlichen Gesichtspunkten überarbeitet werden. Anschließend bessert man  Formulierungen aus und zum Schluss wird genaustens auf Grammatik, Rechtschreibung und korrekten Zitationen geprüft. Die womöglich sehr lang erscheinende vorgeschlagene Überarbeitungszeit kommt deshalb zu stande, da in der Phase des Rohtextens tatsächlich noch keinerlei Überarbeitung stattfinden sollte.

7. Veröffentlichen/ Abgabe der Arbeit

Die Arbeit wird bei Journals eingereicht oder beim Dozenten/ der Dozentin abgegeben.

Die von Ulrike Scheuermann zusammengetragenen und selbst entwickelten Schreibdenkübungen können in mehreren Phasen dieses Schreibprozesses gewinnbringend eingesetzt werden:

Schreibdenken – Was ist das?

Schreibdenken ist der Überbegriff von zahlreichen assoziativen Methoden, bei denen in Einzelarbeit Texte oder Bilder entstehen. All diese Übungen haben gemein, dass sie sich stark an der inneren Sprache orientieren (also so, wie wir denken). Die entstandenen Texte sind nur für einen selbst bestimmt – also privat. Dies soll der Beeinflussung von z.B. Bewertungsangst vorbeugen. Auch von eigenen überkritischen Gedanken sollte man sich möglichst lösen und unzensiert arbeiten. Die allermeisten Übungen sind außerdem recht kurz (~5 Minuten) – nur wenige dauern mehr als 10 Minuten.

Untergliedern lassen sich die Übungen in die Kategorien Schreibsprints, Denkbilder und Denkwege.

1) Schreibsprints

Bei diesen Übungen steht vor allem das hohe Tempo der Bearbeitung im Vordergrund. Vor allem hier wird direkt an der inneren Sprache angeknüpft.
Beim sogenannten Gedankensprint beispielsweise soll man 5 Minuten alle Gedanken genau so aufschreiben, wie sie einem in den Sinn kommen. Dies können ganze Sätze oder nur einzelne Stichpunkte oder Wörter sein – je nachdem, wie einem die Gedanken kommen. Aspekte wie Rechtschreibung sind völlig egal und zum Korrigieren fehlt die Zeit. Nach Ablauf der Zeit liest man sich sein Geschriebenes durch, markiert und kommentiert wichtig erscheinende Teile und bringt alles mit einem zusammenfassenden Kernsatz auf den Punkt. Den Gedankensprint kann man z.B. gut als Einstieg in ein Schreibprojekt anwenden, da es nach Ulrike Scheuermanns Erfahrung die Motivation und den Spaß am Schreiben fördern solle.
Ein Gedankensprint lässt sich auch leicht in einen Fokussprint modifizieren, indem man sich vor der Übung auf ein bestimmtes Thema – z.B. das Thema der anstehenden Schreibarbeit – fokussiert. Hier findet eine geringe Zensur der eigenen Gedanken statt, da man, wenn man merkt, dass man vom festgelegten Thema abweicht, sich wieder zu seinem Fokus zurückbesinnen kann. Diese Übung kann vor allem in Phase 2 des Schreibprozesses bei der Ideengenerierung helfen.

2) Denkbilder

Die Denkbilderübungen beginnen immer mit einer Entspannungs- bzw. Achtsamkeitsübung bei der man sich auf innere Szenen, Bilder oder auch Sätze konzentrieren soll. Diese entstehen entweder von alleine oder werden angeleitet (z.B. durch Audio-Instruktionen). Bei der Übung Innere Bilder soll man seine Aufmerksamkeit beispielsweise auf den späteren Erfolg der Arbeit oder die positive Reaktion von Hunderten von Lesern richten. Am Ende dieser Übungen soll man sich die eindrucksvollsten Bilder notieren oder skizzieren. Die Denkbilderübungen unterstützen vor allem bei einer kreativen Vorbereitung in der ersten Phase des Schreibprozesses (Einstimmen) und fördern die Motivation.

3) Denkwege

Aufgaben aus dieser Kategorie unterstützen bei der Strukturierung und Planung der Arbeit. Sie helfen vor allem denjenigen, die Probleme damit haben einen roten Faden zu behalten. Bei der Übung Textpfad sollen auf der linken Seite eines Blatt Papiers untereinander die Strukturelemente (Einstieg/Ausstieg, Thesen, Argumente, Beispiele etc.) notiert werden und ähnlich der Notationen von Strukturgleichungsmodellen verschiedene Formen als Umrandungen erhalten (z.B. Rechtecke für Thesen). Im Anschluss schreibt man rechts neben diese Formen stichpunktartig seine inhaltlichen Überlegungen zu den einzelnen Bausteinen. Übungen dieser Art helfen nicht nur in der Phase des groben Strukturierens der Gesamtarbeit, sondern auch beim Rohtexten und der Einhaltung eines roten Fadens innerhalb kürzerer Textabschnitte.

Schreibdenken – Wieso hilft das?

Ulrike Scheuermann stellt die These auf, dass man mit regelmäßig durchgeführten Schreibdenkübungen besser denken, besser lernen, besser lehren und besser schreiben könne.

Besser denken

Bei Schreibdenkaufgaben, insbesondere bei Schreibsprints, beobachtet man sich selbst beim Denken. Man arbeitet schnell und nach etwas Übung auch unzensiert. Auf diese Weise können einem Gedanken oder Ideen einfallen, die einem von alleine vielleicht nicht gekommen wären – möglicherweise, weil man sich zu sehr von den Ideen anderer Autoren leiten ließ oder weil die eigene innere Kontrollinstanz  bestimmte Gedanken unterdrücken. Durch die hohe Geschwindigkeit der Übungen bleiben für solch kritische Nebengedanken keine kognitiven Kapazitäten übrig. Aus schwer formulierbaren implizitem Wissen kann auf diese Weise explizites Wissen werden.

Besser lernen

Ulrike Scheuermann verwendet das Ein- und Ausatmen als Analogie zum Lernprozess. Das Einatmen ist die Informationsaufnahme. Das Ausatmen ist die Aktivität mit diesem Wissen. Bei Schreibdenkaufgaben wird das „eingeatmete“ Wissen mit seinen eigenen Denkprozessen integriert. Ein Transfer zu anderen Themengebieten oder bereits gelerntem Wissen wird damit deutlich unterstützt das Lernen erleichtert.

Besser lehren

Ulrike Scheuermann übt deutliche Kritik an vorschnell und zu häufig eingesetzter Gruppenarbeiten im universitären Kontext. Oft werden Studierende aufgefordert Ideen in einer kleinen Gruppe oder im Plenum zu sammeln (z.B. Brainstorming an der Tafel). Dieses Vorgehen unterliegt jedoch einigen sozialpsychologischen Phänomenen, die die Ideenfindung behindern können. Beispielsweise reden in solchen Situationen häufig die gleichen Teilnehmer. Die Angst durch die Bewertung anderer oder ein „soziales Faulenzen“ (‚Ich kann mich zurücklehnen – die anderen werden schon arbeiten…‘) könnten hierbei eine Rolle spielen. Auch Produktionsblockaden (nur einer kann sprechen – man muss also darauf warten seine Ideen äußern zu können) oder eine zu schnelle Fokussierung auf die zuerst genannten Gedanken können zu einer eher oberflächlichen Ideenfindung führen.

Bei Schreibdenkaufgaben hingegen sind zunächst erstmal alle aktiv und alle Teilnehmer generieren Ideen. Ein Zusammentragen oder eine Diskussion über diese Ideen ist im Anschluss natürlich immer noch möglich, ist dann aber vielleicht tiefergehend als beim Brainstorming.

Besser schreiben

Die Autorin ist fest davon überzeugt, dass regelmäßig durchgeführte Schreibdenkaufgaben die generelle Motivation zu Schreibprojekten fördert. Der Einstieg in eine Schreibarbeit, den viele gerne vor sich herschieben, soll damit erleichtert werden.
Außerdem kann sich nach und nach durch die nahe Orientierung an der inneren Sprache eine eigene Schreibstimme entwickeln. Derartige Texte seien lebendiger, authentischer und inspirierender.

Während Schreibwerkzeuge wie der Füllfederhalter, die Schreibmaschine oder Textverarbeitungsprogramme bei der Erstellung und Formatierung der Arbeit unabdingbar sind, kann das Schreiben selbst in Form von Schreibdenkaufgaben eingesetzt werden, um einen angenehmen Einstieg in sein Thema zu finden, Ideen zu sammeln, seinen Text zu strukturieren oder Schreibblockaden zu überwinden.

Quellen

Baur, M., Bauer, M., Samjeske, M. (2008). Die Entwicklung der Schreibgeräte und ihr Einfluss auf die Kommunikation. Hochschule Aalen. Abgerufen am 30.11.2015 von: http://www.frankbarth.de/fileadmin/Studierende_MW/EntwicklungSchreibgeraete.pdf

Scheuermann, U. (2012). Schreibdenken – Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln (1. Aufl.). Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Bildquellen: im Link unter den Bildern

 

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